Ein Amoklauf und der ganz normale mediale Wahnsinn

Seit 2 Tagen beherrscht der Amoklauf in Winnenden die Medien. Oder sollen wir lieber sagen, dass die Medien und einige PolitikerInnen mit dem Thema Amoklauf unsere Köpfe beherrschen?

Mein Mitgefühl gilt natürlich den Opfern und ihren Angehörigen. Dennoch möchte ich hier einige Sachen los werden.

Führen Ego-Shooter, in den letzten Tagen meist “Killerspiele” genannte PC-Games zu solchen Amokläufen? Nun, ich bin kein Freund dieser Computerspiele. Dennoch glaube ich nicht, dass solche Spiele Ursache für solche Amokläufe sind. Dagegen spricht schon alleine die Statistik. Bei ca. 10 Millionen Computer-SpielerInnen, die “Counterstrike” legal besitzen und einem Vielfachen an solchen, die mit Raubkopien spielen müsste es schon weltweit zig Amokläufe täglich geben um einen Zusammenhang darzustellen. Aber natürlich glaube ich, dass sich Amokläufer zu solchen Spielen besonders hingezogen fühlen. Vielleicht senken solche Spiele auch gewisse Hemmschwellen.

Dennoch: mit Counterstrike-Spielen kann man genauso wenig Schießen lernen wie man mit “Grand Theft Auto” das Autofahren lernen kann. Alleine die Haptik einer Pistole ist schon ganz anders als die einer Maus oder eines Joysticks. Ein ungeübter Schütze würde bei einem Amoklauf nicht 15 Menschen töten können (und ein paar verletzen) sondern umgekehrt.

Natürlich frage ich mich - wie viele andere auch - wie Eltern, deren Kind nicht nur (wie viele in dem Alter und wie viele in jedem Alter) psychische Probleme hatte, sondern deswegen sogar in stationärer Behandlung war, auch nur eine Schusswaffe samt gar nicht so weniger Munition ungesichert zu Hause lassen können. Und ich frage mich auch, warum eine dreiköpfige Familie 15 oder noch mehr Schusswaffen zu Hause braucht.

Warum brauchen Privatpersonen überhaupt Waffen? Zum Selbstschutz? Hm… Mag ja vielleicht ein beruhigendes Gefühl geben, im Nachtkästchen eine Pistole liegen zu haben. Nutzt aber wenig, wenn man zum Beispiel gerade im Keller ist, wenn der Einbrecher kommt. Mal ehrlich, wie oft haben Sie schon von Privatpersonen (Personenschützer und Angehörige privater Wachdienste einmal nicht mitgezählt), die mit einer Schusswaffe jemanden in die Flucht schlagen konnten? Ich kann mich nicht erinnern. Wahrscheinlich bietet sogar ein kläffender Chihuahua mehr Schutz. Und wie oft haben Sie von Amokläufen, von Familiendramen, “Unfällen” und Unfällen mit legalen Schusswaffen gelesen? Eben!

Zurück zu den Medien. Fast schon lustig habe ich gefunden, wie selbst die seriösesten Medien auf einen simpel gefakten Screenshot aus einem nicht sonderlich bekannten Forum reingefallen sind. Wäre ja auch zu schön gewesen. Omi und Opi, die nicht wissen was das Internet eigentlich ist und selbst Angst davor haben, haben sich natürlich gefreut zu hören, dass der ganze Amoklauf natürlich wieder mit dem bösen Internet zu tun hat. Dass die Sache von den professionellen JournalistInnen nicht hinterfragt wurde, aber von “Graswurzel-JournalistInnen” im Web aufgedeckt wurde gibt mir irgendwie eine stille Genugtuung.

Pervers fast schon der Ruf nach Wachdiensten in Schulen. Zuerst wundert man sich, dass ein “Unauffälliger” Amokläufer wurde, dann ruft man nach Wachdiensten. Wie hätte denn ein so ein Wächter den Unauffälligen herausfiltern sollen? Zumal er ja sicher genügend Bekannte in der Schule gehabt hätte, die seine “Seriosität” bezeugen hätten können. Oder sollen die Wachdienste nur Unauffällige kontrollieren? Sprich: wer weder Skinhead noch Punk oder Goth ist erscheint suspekt? Egal, wahrscheinlich hätte der Amokläufer sowieso zuerst den Wachdienst abgeknallt.

Amokläufe gibt es schon lange. Es gab Amokläufe auch schon zu Zeiten als es noch keinen PC gab und erst recht keine “Killerspiele”. Natürlich sind diese nicht so in unserem Bewusstsein. Unsere Urgroßeltern haben vielleicht davon in der Zeitung gelesen (falls sie überhaupt Zeitung gelesen haben) und dann wohl mit den Schultern gezuckt, weil zum Beispiel Bremen für sie “weit weg” lag, weiter als für uns heute der Mond.

Ich hoffe aber, dass der Amoklauf vielleicht dazu führt, dass viele LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern darüber nachdenken, wie man miteinander umgeht, eine Sensibilität für Mobbing und so weiter entwickeln. Nicht um Amokläufe zu verhindern (das wird man wohl sowieso nicht können), sondern um jenen, die dieselben psychischen und sozialen Grundprobleme wie der Amokläufer von Winnenden hatten, zu helfen.

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Autor: Stephan Schmatz
Datum: Freitag, 13. März 2009 22:34
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Gesellschaft & Politik

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2 Kommentare

  1. 1

    Hier ein Kommentar zu diesem Artikel: http://www.efo.ch/ein-lesenswerter-artikel/

  2. 2

    Eine Richtigstellung: lt. http://www.orf.at/090315-36132/index.html haben die Behörden mittlerweile erklärt, dass der Amokläufer doch nicht in einer psychiatrischen Klinik stationär behandelt wurde. Er war aber wohl in ambulanter Behandlung. Dass die Eltern nichts davon wussten halte ich zwar für nicht ganz ausgeschlossen aber eher unwahrscheinlich.

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