Buchtipp: „Der Bienenkorb“

05.08.2019

Zwei Romane, die im Portugal zur Zeit der Salazar-Diktatur spielen, habe ich bereits gelesen: „Nachtzug nach Lissabon“ (siehe Rezension hier und „Nelkenliebe (siehe Rezension hier). Jetzt habe ich noch ein Buch gelesen, das nicht nur in der Zeit der Franco-Diktatur spielt, sondern auch in dieser Zeit geschrieben wurde.

„Der Bienenkorb“ wurde 1951 von Camilo José Cela geschrieben und spielt im Jahr 1943. Cela (1916-2002) selbst stand zur Zeit des Bürgerkriegs auf der Seite der Franquisten, distanzierte sich jedoch später, unter anderem mit diesem Roman, der zuerst in Argentinien veröffentlicht wurde. Er begründete die Richtung des „tremendismo“ in der spanischen Literatur und wurde 1989 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Ausgehend von einem kleinen Café in Madrid werden Fragmente aus den Lebensgeschichten zahlreicher Kleinbürger erzählt. Insgesamt kommen ca. 200-300 verschiedene Charaktere in diesem Buch vor, was durchaus verwirrend ist und dazu führt, dass man nicht nur einmal den Faden verliert, was aber auch nicht weiter schlimm ist. Auch wenn im Buch Liebe, Diebstahl, Krankheit und Mord vorkommen, liegt über allem doch eine gewisse Lethargie. Der überstandene Spanische Bürgerkrieg und der gerade tobende Zweite Weltkrieg (an dem Spanien nicht militärisch beteiligt war) werden erwähnt, sind aber nicht Hauptthema.

Das Hauptthema ist das schwierige, aber dennoch oft vergleichsweise antriebslose Dahinleben und Überleben der verschiedenen Charaktere. Selbst bei verliebten Paaren steht auch nicht die Leidenschaft der Liebenden, sondern die Meinung der anderen im Vordergrund, auch das Heimlichtun und das Verstecken. Revolutionäre oder auch nur den Wunsch nach Revolution habe ich im Buch nicht gefunden, auch keine „hehren“ politischen Ziele, egal ob links oder rechts. Das höchste individuelle Ziel einer Romanfigur ist, eine Stelle als Notar zu bekommen. Doch auch dieses Ziel ist stark von Sicherheitsdenken und der Meinung der Umgebung geprägt.

Auch wenn sich im Roman ständig etwas tut, war er für mich doch über sehr weite Strecken ziemlich fad. Doch genau in dieser Fadesse liegt die Genialität dieses Romans. Auch wenn der Roman keine offene Kritik übt, drückt er wohl doch ziemlich perfekt das Leben der meisten Menschen in einer derartigen Diktatur aus. Ein Leben geprägt von lähmender Fadesse, dem Fehlen größerer individueller Ziele und dem – wenn auch nicht hysterischen – Achten auf die Meinung anderer.

Das Buch ist im Buchhandel (ISBN 978-3492550284) sowie bei amazon erhältlich.

 

 

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