Buchtipp: „Nachtzug nach Lissabon“

06.06.2019

Auf der Suche nach historischen Romanen, die im Portugal während der Salazar-Diktatur spielen, bin ich auf den Roman des Schweizers Pascal Mercier (im richtigen Leben Peter Bieri) gestoßen.

Warum ich danach gesucht habe, möchte ich auch noch kurz erklären. Ich glaube nämlich, dass das, was rechtspopulistische und rechtsextreme Politiker (und ihre Wähler) herbeisehnen, mehr den autoritären Diktaturen in Spanien (Franco) und Portugal (Salazar) ähnelt, als dem NS-Regime. Natürlich gibt es Neonazis, die dem NS-Regime huldigen, Hitler verehren und so weiter. Das möchte ich nicht abstreiten und das darf man nicht abstreiten. Ich glaube aber, dass heute so gut wie niemand mehr einen Expansionskrieg in Richtung Russland plant und auch einen industriellen Massenmord an Juden wird sicherlich kaum noch jemand anstreben. Was ich aber leider schon befürchte, ist eine große Sehnsucht vieler nach einem möglichst homogenen, nach innen gekehrten autoritären Staat, einem Staat mit wenig Mitleid, auch nicht mit der eigenen Bevölkerung und einem Staat, in dem „Rote“ nichts mehr zu sagen haben. Einem Staat, in dem Ausländer als Touristen willkommen sind, aber in dem man wirtschaftlichen Stillstand bis zur Verarmung der eigenen Bevölkerung durchaus akzeptiert. Eben so einen Staat wie er in Portugal und Spanien bis in die 1970er-Jahre zu finden war.

Mich hätte interessiert, wie die Lebenswelt der Bürger ausgesehen haben mag. Über die Lebenswelt während der NS-Herrschaft findet man genug Literatur, die sämtliche Perspektiven betrachtet, ebenso über die Lebenswelt im Kommunismus. Was die autoritären Regime auf der iberischen Halbinsel betrifft, habe ich leider kaum Literatur gefunden und – was mich erstaunt hat – insbesondere was den „Estado Novo“ Salazars betrifft bislang nichts, was von einem „Einheimischen“ geschrieben und auf Deutsch übersetzt wurde. „Nachtzug nach Lissabon“ wurde ja auch von einem Schweizer geschrieben.

 

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Kommen wir nun zu diesem Roman. Gleich vorab: Mit fast 500 Seiten, ist es ein sehr umfangreicher Roman und auch ein sehr vielschichtiger. Ein Schweizer Gymnasialprofessor für alte Sprachen (Latein, Griechisch und Hebräisch) begegnet auf der Straße einer verstört wirkenden Portugiesin. Da ihn diese Begegnung nicht mehr loslässt, besucht er eine spanische Buchhandlung, wo er ein portugiesisches Buch bekommt. Das autobiographische Buch eines Arztes, der kurz vor Ende des Salazar-Regimes gestorben sein muss, zieht ihn so in den Bann, dass er von der Schule abhaut und mit dem Zug nach Lissabon fährt, um sich auf die Suche nach den Spuren dieses Autors zu machen. Es entsteht ein spannendes Roadmovie – allerdings mit öffentlichen Verkehrsmitteln – auf dem der Gymnasialprofessor nach und nach einen Puzzlestein nach dem anderen zusammensetzt, um sich ein Bild über den Arzt zu machen, der einst einem verhassten Geheimpolizisten das Leben gerettet hatte und nachher zum Widerstand gegen das Regime wechselte. Dabei lernt er eine Menge Freunde, Bekannte und Familienmitglieder des Autors kennen, aber er erfährt auch viel über den „Estado Novo“, den „neuen Staat“, wie die Diktatur euphemistisch genannt wurde.

Diese Suche nach den historischen Begebenheiten ist jedoch nur ein Aspekt dieses Romans. Ein wichtiger Aspekt ist auch das Leben der eigentlichen Hauptfigur, nämlich des Gymnasialprofessors, der zuvor jahrzehntelang ein biederes und zurückgezogenes Leben geführt hatte, sich in alten Sprachen vertieft und generell eher vergangenheitsbezogen und im Hinblick auf Gegenwart und Zukunft eher mutlos erschien. Im Laufe des Romans überwindet er wieder und wieder seine eigenen Grenzen und wird fast schon zu einem Abenteurer.

Der dritte Aspekt ist die Sprache. Der Professor verehrt und liebt die Sprache, nicht nur die alten Sprachen, sondern auch bald das Portugiesische. Diese Verehrung der Sprache, aber auch die im Buch verwendete Sprache machen das Buch schon fast zu einem Buch über die Liebe zur Sprache, ähnlich wie der Film „Cinema Paradiso“ ein Film über die Liebe zum Kino ist. Interessanterweise war die Ausgabe, die ich gelesen habe, in alter deutscher Rechtschreibung und nicht in der zum Erscheinungstermin bereits üblichen neuen deutschen Rechtschreibung oder in Schweizer Rechtschreibung.

 

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Alles in allem ist es ein faszinierender Roman, der auch mich als Leser immer tiefer in den Bann gezogen hat. Ich kann es nur empfehlen, auch wenn ich mich jetzt weiter auf die Suche nach einem Buch begeben werde, in dem jemand seine eigenen Erfahrungen mit einem der beiden autoritären Regime auf der iberischen Halbinsel zu einem Roman verarbeitet hat.

Das Buch ist im Buchhandel (ISBN 978-3442734368) sowie bei amazon erhältlich.

 

 

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