Foto: Unsplash / Jason Blackeye

 

Quatsch mit e: Böses Kraftwerk, braver Verbrennungsmotor?

21.10.2018

In den letzten Tagen kursiert wieder einmal eine Karikatur des Stern-Karikaturisten Til Mette in diversen facebook-Foren. Im Gegensatz zu den Postern möchte ich mich an das Urheberrecht halten, bitte klicken Sie auf diesen Link, um das Original zu sehen. Die Karikatur zeigt eine Familie, die vor den rauchenden Schloten eines kalorischen Kraftwerks steht. Der Vater meint dabei „Seht Ihr das Braunkohlekraftwerk? Das ist der Auspuff von Papas neuem Elektroauto!“.

Klar, auch Braunkohlekraftwerke (und andere kalorische Kraftwerke) produzieren CO2, und das sicherlich nicht wenig. Aber ist das wirklich schlimmer als das, was aus dem Auspuff eines Benzin- oder Dieselautos kommt?

 

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Nun, verschiedene Studien (ich möchte als Referenz einmal diese Studie der Freien Universität Brüssel angeben, da sie sehr umfangreich ist und besonders auf europäische Verhältnisse Rücksicht nimmt) zeigen, dass ein Elektroauto, das den Strom zu 100% aus Kohlekraftwerken bezieht ungefähr gleich viel CO2 pro Kilometer produziert wie ein Dieselauto (siehe Figure 1). Wumm! Das ist einmal heftig. Nur: Den Strom, der zu 100% aus Kohlekraftwerken kommt, gibt es in Kontinentaleuropa nirgends. Überall ist der Strom ein Mix aus verschiedenen Quellen. Selbst mit dem polnischen Strommix, der offensichtlich der schmutzigste in Europa ist (siehe Figure 6), fährt ein Elektroauto sauberer als ein Dieselauto. In den meisten Ländern wird auf jeden Fall der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien stets gesteigert. Außerdem haben wir einen freien Strommarkt. Jeder kann selbst entscheiden, ob er seinen Strom vom nächstbesten Energieversorger bezieht oder von einem Ökostrom-Anbieter. Natürlich hat „der Strom kein Mascherl“, wie es so schön heißt, aber mit der Entscheidung für einen bestimmten Anbieter oder einen bestimmten Tarif bestimmt man, wohin man sein Geld schickt. Aus welchen Quellen der Strom in Österreich kommt kann man übrigens hier in Echtzeit nachsehen – und gegebenfalls danach entscheiden, ob man sein E-Auto jetzt an die Steckdose hängt oder vielleicht erst etwas später.

Wärmekraftwerk Theiss

Wärmekraftwerk Theiss, Foto © Stephan Schmatz

Bleiben wir aber bei den kalorischen Kraftwerken und sehen wir uns an, wo die Abgase entstehen. Kalorische Kraftwerke stehen – zumindest in Österreich – nicht gerade in den Wohngebieten. Ich selbst arbeite in Sichtweise eines Gas- und Ölkraftwerks. Auf dem 135 Meter hohen Schlot habe ich noch nie Hunde oder Kinder gesehen. Dort, wo die Autoabgase abgegeben werden, natürlich sehr wohl. Ein kalorisches Kraftwerk arbeitet relativ konstant, das macht das Filtern wesentlich einfacher. Ein Auto mit Verbrennungsmotoren gibt am meisten Abgase beim Beschleunigen ab – und das geschieht gerade dort, wo sich die meisten Menschen aufhalten: An der Kreuzung in der Stadt.

In Österreich gibt es derzeit nicht einmal 30 kalorische Kraftwerke (inkl. Biomasse-Heizkraftwerke). Neue Filtertechnologien umzusetzen fällt hier relativ leicht. Neue Filtertechnologien bei den ca. 5 Millionen PKW in Österreich nachzurüsten? Sicherlich ein Ding der Unmöglichkeit, wie die derzeitigen Diskussionen bzgl. Diesel-Nachrüstung in Deutschland zeigen, die in Österreich noch nicht einmal wirklich begonnen haben.

Ein weiterer Punkt darf auch nicht außer Acht gelassen werden: Die Abwärme sämtlicher österreichischer Wärmekraftwerke wird auch zum Heizen, also für die Fernwärme, verwendet. Die Abwärme des Verbrennungsmotors erwärmt maximal den Innenraum des Autos und die (Park)garage, was jedoch beides in der warmen Jahreszeit nicht gerade erwünscht ist und entsprechend mit wiederum energieaufwändiger Klimatisierung bekämpft wird. Selbst bei sehr effizienten Verbrennungsmotoren gehen über 60% der Energie als Abwärme verloren. Bei dem Kraftwerk in meiner Nähe steht übrigens auch der größte Fernwärmespeicher Europas. Die Abwärme von Kraftwerken kann also auch gespeichert werden, während der Innenraum eines Autos in spätestens einer halben Stunde wieder ausgekühlt ist.

 

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Einen Blick auf die Energiequelle sollten wir auch noch werfen. Natürlich wird ein großer Teil der Wärmekraftwerke mit fossilen, nicht erneuerbaren Rohstoffen gespeist. Ein immer größerer Teil wird jedoch auch mit „nachwachsenden“ Rohstoffen betrieben, in erster Linie Biomasse, aber natürlich handelt es sich bei der leider notwendigen „thermische Abfallbehandlung“, wie man die Müllverbrennung nennt, auch in einem gewissen Sinne um „nachwachsende“ Rohstoffe, zumindest werden uns die Abfälle wohl nicht so schnell ausgehen wie das Erdöl.

Eines möchte ich aber auch noch anmerken: Das, was bei den kalorischen Kraftwerken so spektakulär aus den Schloten kommt, ist natürlich harmloser Wasserdampf. Die schädlichen Abgase (mit wenigen Ausnahmen wie Ruß) sind sowohl bei Kraftwerken als auch bei Autos mit Verbrennungsmotor unsichtbar.

Fassen wir also zusammen:

  • Je nach Energiemix produziert ein Elektroauto maximal so viel CO2 wie ein Dieselauto.
  • Jeder kann durch Auswahl des Stromanbieters und -tarifs selbst entscheiden, welche Kraftwerke er finanziert.
  • Im Gegensatz zu Autos geben Wärmekraftwerke ihre Schadstoffe nicht in den Städten und auf Augenhöhe der Menschen ab.
  • Im Gegensatz zu Autos kann die Abwärme von Wärmekraftwerken wesentlich besser und umfangreicher genutzt und auch gespeichert werden.
  • Selbst bei Strom, der zu 100% aus Kohle gewonnen wurde, ist das Elektroauto die umweltfreundlichere Variante.

 

 

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