Quatsch mit e: Vom „feuergefährlichen“ Elektroauto

27.10.2018

Letzten August war es wieder einmal soweit: Ein Tesla in den USA fängt Feuer und brennt aus. Tagelang geistert die Geschichte auch durch die deutschsprachigen Medien und macht uns Angst. Sind Elektroautos besonders prädestiniert, Feuer zu fangen? Muss ich gar damit rechnen, dass das Elektroauto in Flammen aufgeht, wenn ich es starte oder den Ladestecker einstecke?

Es ist schlicht und wieder einmal eine Sache, die mit unserer modernen Medienwelt zu tun hat. Ein brennendes Elektroauto in den USA ist nun einmal sensationeller als ein brennendes Benzinauto. Und im Gegensatz zu früher, wo wir meistens nur eine Zeitung, das öffentlich-rechtliche Radio und das öffentlich-rechtliche Fernsehen als Nachrichtenquelle hatten, werden wir heute davon förmlich überflutet. Wir lesen es selbst in zahlreichen Online-Magazinen, Freund*innen teilen den Beitrag und wir lesen es aus weiteren Quellen und so weiter. Auf einmal empfinden wir einen Brand am anderen Ende der Welt in x-facher Intensität als wir den Brand eines Benzin- oder Dieselautos in unserem eigenen Bezirk oder Landkreis empfinden, weil wir darüber nur kurz in einem einzigen Regionalmedium lesen.

 

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Dabei brennen Benzin- und Dieselautos öfter als wir denken. Bei einem Bestand von rund 4,9 Millionen Verbrenner-PKWs (Quelle) in Österreich kommt es jährlich zu ca. 1.500 Fahrzeugbränden (Quelle). Das bedeutet: Ungefähr eines von 3.300 zugelassenen Autos (0,03%) wird innerhalb eines Jahres ein Raub der Flammen.

In Deutschland sind die Zahlen ähnlich. Auf 46,5 Millionen PKW kommen 15.000 Fahrzeugbrände pro Jahr.

Grob gerechnet kann man sagen, dass es in einem durchschnittlich großen österreichischen Bezirk so ungefähr einen Fahrzeugbrand pro Monat gibt. In einem durchschnittlich großen deutschen Landkreis brennt so ungefähr alle 1-2 Wochen ein PKW. Hätten Sie das gedacht? Wahrscheinlich können Sie sich an den letzten Fahrzeugbrand in Ihrem Bezirk oder Landkreis gar nicht mehr erinnern, obwohl der maximal 1 Monat zurückliegt, dafür aber haben Sie den Tesla-Brand in den USA noch recht gut im Gedächtnis.

 

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Rechnen wir noch ein bisschen weiter. Wenn 0,03% aller PKW mit Verbrennungsmotor innerhalb eines Jahres brennen, dann müssten bei ca. 14.600 Elektroautos in Österreich dieses Jahr so ca. 4 bis 5 in Flammen aufgehen, von den 53.000 Elektroautos in Deutschland müssten es dann so ungefähr 15 bis 16 Autos sein.

Interessanter Weise liegt der letzte Elektroauto-Brand in Österreich bereits über ein Jahr zurück. Seitdem gab es nur einen Brand eines elektrisch betriebenen Leichtfahrzeugs, diese zählen aber bekanntlich nicht zu den PKW, sondern zu den Motorrädern und für diese Fahrzeuge gelten ganz andere Sicherheitsvorschriften.

Trotz längerer Suche habe ich keinen Bericht über einen Elektroauto-Brand in Deutschland innerhalb der letzten 12 Monate gefunden. Wer von welchen weiß kann mir gerne eine E-Mail an stephan@schmatz.cc senden und ich werde diesen Beitrag ergänzen.

 

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Gut, sehen wir das alles einmal als statistische Unschärfe an und betrachten wir die Daten als noch nicht repräsentativ. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass Elektroautos nicht so viel gefahren werden (ist dem überhaupt so?). Doch auch da finden wir interessantes „Entlastungsmaterial“ für die Elektroautos. Die österreichische autorevue zitiert Martin Winter vom Forschungszentrum Jülich, der vorrechnet, dass bei Autos mit Verbrennungsmotor 90 Brände auf 1 Milliarde gefahrene Kilometer kommt, während es bei den Teslas bislang zu 2 Bränden pro Milliarde zurückgelegter Kilometer gekommen ist.

Was wir dennoch nicht leugnen können ist, dass Elektroautos und speziell brennende Lithium-Akkus eine Herausforderung für die Feuerwehr darstellen – so wie vor ca. 25 Jahren Airbags eine neue Herausforderung dargestellt haben. Fürchten brauchen sie sich allerdings nicht. Da Lithium-Akkus aus geschlossenen Packs, die zahlreiche einzelne Zellen enthalten, bestehen, ist es schwierig, bis zu den tatsächlich brennenden Zellen vorzudringen. Dazu entsteht große Hitze. Wird beim Löschen nicht gekühlt, sondern nur der Sauerstoff entzogen, kann es bei neuerlicher Sauerstoffzufuhr aufgrund der immer noch vorhandenen Hitze zu einem neuerlichen Entflammen kommen. Mittlerweile gibt es aber ausreichend Wissen über den Umgang mit brennenden Lithium-Akkus.

 

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Doch diese Gefahr hat sozusagen ein Ablaufdatum. Die Forschung an Lithium-Feststoff-Akkus läuft auf Hochtouren. Diese versprechen nicht nur höhere Kapazität, sondern können auch nicht in Brand geraten.

Fazit:

  • Brände von Elektroautos sind spektakulär, daher wird weltweit darüber berichtet, während über brennende Autos mit Verbrennungsmotor meistens nur lokal berichtet wird.
  • Nach der bisherigen (zum Teil noch nicht repräsentativen) Datenlage dürfte es bei einem Elektroauto sogar unwahrscheinlicher sein, dass es in Flammen aufgeht als bei einem Benzinauto. Die Brandgefahr ist aber auf jeden Fall nicht signifikant höher als bei Verbrennern.
  • Lithium-Ionen-Akkus haben dennoch ihre Tücken beim Löschen, sie stellen aber keine unlösbare Herausforderung für die Feuerwehren dar.
  • Bei Lithium-Feststoff-Akkus, die von vielen als Technologie der Zukunft angesehen wird, besteht keine Brandgefahr.

Ein wichtiger Hinweis:

Weder bei Elektroautos noch bei Benzin- oder Dieselautos kommt es nach Unfällen zu „Explosionen“, wie es in Actionfilmen zu sehen ist und wie es leider manchmal medial falsch dargestellt wird. Bitte zögern Sie daher nicht, bei Unfällen Erste Hilfe zu leisten!!!!!

 

 

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