Traismauer – die vielleicht meistunterschätzte Stadt Österreichs

08.10.2018

Die 6.000-Einwohner-Stadt Traismauer im Bezirk St. Pölten-Land liegt nur ca. 15 Kilometer von meiner Heimatstadt Krems entfernt. Ich bin schon dutzende Male durchgefahren, doch ich muss zugeben, dass ich sie noch nie so richtige wahrgenommen habe. Doch das hat sich letzten Samstag bei der „Langen Nacht der Museen“ radikal geändert.

Den meisten anderen in Niederösterreich geht es wohl nicht anders, die Strahlkraft der Landeshauptstadt St. Pölten und der „Kultur- und Bildungshauptstadt“ Krems ist wohl zu groß, Dürnstein und Langenlois sind romantischer und Traismauer wird auch nicht so stark von einem Stift (und den damit verbundenen kulturellen Aktivitäten) geprägt wie Melk oder Herzogenburg.

Wer sich etwas mit der heimischen Wirtschaft auskennt, merkt jedoch bald, dass es in Traismauer einige Betriebe gibt, die man als Weltmarktführer bezeichnen kann bzw. Werke von Weltmarktführer: Gutschermühle (Müesliriegel), Benda-Lutz (Farbpigmente) oder die TKM Group.

Doch auch historisch und kulturell ist Traismauer ein unterschätzter Big Player. In der vom Fernsehsender ORF organisierten Langen Nacht der Museen ging es in Traismauer um 18:20 mit einer Stadtführung beim Schloss los.

Das Schloss ist vielleicht eher unauffällig, doch historisch mehr als bedeutsam. Bereits im 1. Jahrhundert nach Christus richteten die Römer auf dem Gebiet des heutigen Traismauer das Reiterkastell Augustianis ein. Das heutige Schloss ist auf dem Fundament des römischen Kastells aufgebaut.

Nächste Station war dann die Pfarrkirche Traismauer. Unter der spätmittelalterlichen Kirche finden sich antike Gemäuer und Estriche (zum Teil aus dem 1. Jahrhundert n. Chr.) sowie die Gebeine von Grenzgraf Cadaloc, der 802 starb und hier beerdigt wurde.

Auch das Römertor (auch Wiener Tor genannt) baut auf antiker Substanz auf. Ebenso…

…die Stadtmauer und der „Hungerturm“, der über 1.650 Jahre alt ist und lange als Museum diente. In der „Langen Nacht der Museen“ gab es hier Märchenlesungen.

Für Jung und Alt auch sehr interessant war die Schmiedevorführung in der über 300 Jahre alten Schmiede, die an diesem Abend reaktiviert wurde. Nach vorindustriellen Methoden wurden vor den Augen des Publikums kleine Schmuckstücke hergestellt und an die anwesenden Kinder verschenkt.

Zurück im Schloss konnte man im 1. Stock das sonst nur im Advent geöffnete Krippenspiel-Museum bewundern. Das Traismaurer Krippenspiel ist ein Puppentheater, das bereits seit über 200 Jahren besteht und jedes Jahr im Advent (das nächste Mal am 9. Dezember 2018) aufgeführt wird.

Noch ein Stockwerk darüber kommen Musikliebhaber*innen aus dem Staunen nicht mehr heraus, denn seit 2014 ist im 2. Stock des Schlosses das Archiv der Wiener Internationalen Operettengesellschaft untergebracht. Was sich auf den ersten Blick sehr sperrig anhört ist die mit 200.000 Notenausgaben (darunter zahlreichen Original-Parituren) größte Operettennoten-Sammlung der Welt, darüber hinaus befinden sich im Museum noch zahlreiche alte, zum Teil heute kaum noch bekannte Instrumente und Tonträger.

Wer Traismauer besucht wird auf jeden Fall erstaunt sein und seine Meinung über den seit der Römerzeit durchgängig besiedelten Ort, der vor rund 60 Jahren zur Stadt erhoben wurde, radikal ändern. Egal, ob man Urlaub in der Wachau, Sommerfrische im Kamptal oder einen Businesstrip nach St. Pölten macht – ein Abstecher nach Traismauer zahlt sich auf jeden Fall aus! Auch allen, die in der Umgebung wohnen rate ich, sich einmal Traismauer näher anzusehen, Sie werden es nicht bereuen!

Achtung! Da Traismauer erst dabei ist, vom Tourismus entdeckt zu werden, haben die genannten Museen zum Teil nur sporadisch geöffnet! Bitte informieren Sie sich auf www.traismauer.at über Öffnungszeiten bzw. angebotene Führungen!

 

 

 

 

 

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