Polestar 2 – Der Klassiker
05.09.2026
Manche Autos wollen um jeden Preis auffallen. Sie inszenieren sich mit riesigen Kühlergrills, Lichtshows, immer größeren Displays oder einem Design, das schon aus 200 Metern Entfernung verkünden soll, dass hier etwas ganz Besonderes kommt. Der Polestar 2 hat das nicht nötig. Er ist kein Exzentriker, kein Poser und schon gar kein Auto, das seinem Fahrer ständig beweisen muss, wie modern es ist. Und vielleicht ist gerade das der Grund, warum er für mich mittlerweile zu einem echten Klassiker geworden ist.
Für eine ausgiebigere Probefahrt habe ich mir beim Autohaus Teuschl in Krems einen Polestar 2 ausgeliehen. Das familiäre Autohaus ist seit vielen Jahren Volvo-Händler und war bereits Standort eines “Polestar Test Drive Hubs”. Nachdem Polestar seinen Vertrieb in Österreich vom internetbasierten Direktvertrieb auf den klassischen Verkauf über Händler umgestellt hat, kann man die Fahrzeuge nun dort ganz traditionell kaufen.
Vom Rennsport zur Elektroautomarke
Die Geschichte von Polestar ist durchaus ungewöhnlich. Ihre Wurzeln liegen im Motorsport: Das Unternehmen begann 1996 als Rennteam, entwickelte später Performance-Software für Volvo und wurde schließlich zum offiziellen Performance-Partner beziehungsweise zur Tuning- und Motorsportabteilung der schwedischen Marke. 2015 übernahm Volvo Polestar vollständig, 2017 wurde daraus eine eigenständige Automarke. Polestar wurde damals von Volvo Cars und dem chinesischen Geely-Konzern gegründet und ist bis heute eng mit dem Geely- und Volvo-Umfeld verbunden.
Das erste eigene Straßenauto war der spektakuläre Polestar 1, ein in Kleinserie gebautes Coupé mit Plug-in-Hybridantrieb. Der 2019 präsentierte Polestar 2 schlug dann ein neues Kapitel auf: Er war der erste rein elektrische Polestar und zugleich das erste Großserienmodell der jungen Marke. Seitdem setzt Polestar ausschließlich auf Elektroautos.
Ein Elektroauto ohne SUV-Zwang
Im Februar 2019 wurde der Polestar 2 erstmals präsentiert, 2020 begannen die Auslieferungen. In der kurzlebigen Welt der Elektromobilität ist er damit mittlerweile fast schon ein Veteran. Oder besser gesagt: ein Klassiker.
Dabei wirkt er keineswegs alt. Sein Design war von Anfang an angenehm zurückhaltend und hat deshalb auch die Jahre gut überstanden. Besonders sympathisch finde ich, dass Polestar beim 2er nicht dem allgemeinen SUV-Zwang gefolgt ist. Der Polestar 2 ist ein Fastback beziehungsweise Schrägheckmodell mit großer Heckklappe. Er steht zwar etwas höher auf der Straße als eine klassische Limousine, sieht aber eben nicht wie der nächste austauschbare Mittelklasse-SUV aus.
Auch die Sitzposition fällt etwas höher aus, als man es von vergleichbaren Verbrenner-Limousinen gewohnt ist. Das dürfte vor allem dem im Fahrzeugboden untergebrachten Akku geschuldet sein. Trotzdem ist der Polestar 2 mit 1,479 Metern Gesamthöhe keineswegs ein Hochhaus auf Rädern.
421 PS – und trotzdem kein Krawallmacher
Gefahren bin ich den Long Range Dual Motor mit Allradantrieb. Zwei Elektromotoren leisten gemeinsam 310 kW beziehungsweise 421 PS und stellen gewaltige 740 Nm Drehmoment zur Verfügung. 740 Nm – das klingt schon fast nach Landmaschine.
Entsprechend eindrucksvoll ist der Vortrieb. Von 0 auf 100 km/h vergehen gerade einmal 4,5 Sekunden. Wer das Fahrpedal beherzt durchtritt, bekommt also jene brachiale Beschleunigung geliefert, die es vor nicht allzu langer Zeit nur bei italienischen Supersportwagen gab.
Und trotzdem empfinde ich den Polestar 2 nicht in erster Linie als Sportwagen. Vielmehr ist er ein ausgesprochen souveräner Gleiter. Das Fahrwerk wirkt präzise, das Auto liegt satt auf der Straße und vermittelt auch bei höherem Tempo viel Ruhe. Man kann damit sehr schnell fahren – man muss aber nicht. Gerade auf längeren Strecken animiert der Polestar 2 eher zum entspannten Dahingleiten als zum permanenten Auskosten seiner 421 PS.
Das ist vermutlich eine seiner größten Stärken: Er kann Sportler sein, wenn man es möchte. Im Alltag drängt er einem diese Rolle aber nicht auf.
Erfrischend unkomplizierte Bedienung
Auch bei der Bedienung merkt man, dass Polestar eng mit Volvo verwandt ist. Alles ist logisch aufgebaut und erfreulich unkompliziert. Das zentrale Display ist groß genug, ohne den gesamten Innenraum zu dominieren.
Natürlich merkt man im direkten Vergleich mit den wesentlich jüngeren Polestar 3 und Polestar 4 an manchen Stellen, dass deren Bedienkonzepte noch etwas moderner gedacht wurden. Das sind aber Feinheiten. Wer von einem einige Jahre alten Verbrenner in den Polestar 2 steigt, wird kaum denken: „Das ist aber alt.“ Im Gegenteil: Auch der älteste Polestar ist moderner als die meisten neuen Benziner und Diesel.
Auch die Assistenzsysteme sind umfangreich. Besonders positiv aufgefallen sind mir die Rückfahrkamera und die 360-Grad-Kamera. Beide liefern genau das, was man sich von solchen Systemen erwartet: ein klares Bild und tatsächlich hilfreiche Perspektiven beim Rangieren.
Skandinavisch statt protzig
Beim Innenraum verzichtet Polestar ebenfalls auf Showeffekte. Materialien, Formen und Farben folgen jener skandinavischen Nüchternheit, die man auch von Volvo kennt. Das Ergebnis ist hochwertig, ohne protzig zu wirken.
Dazu kommt der bei Polestar traditionell hohe Stellenwert von Nachhaltigkeit und Recyclingmaterialien. Statt vermeintlichen Luxus nur durch möglichst viel Leder, Chrom und Klavierlack zu definieren, versucht die Marke, hochwertige Materialien mit einem möglichst verantwortungsvollen Materialeinsatz zu kombinieren.
Auch hier ist der Polestar 2 angenehm erwachsen. Man steigt ein, findet sich zurecht und fühlt sich wohl. Mehr muss ein gutes Auto eigentlich nicht leisten.
Sparsamkeit auf Kleinwagenniveau
Besonders interessant ist der Polestar 2 beim Verbrauch. Der aktuelle Long Range Single Motor mit Heckantrieb kommt laut WLTP auf lediglich 14,8 bis 15,8 kWh/100 km. Das sind Werte, die man eher mit elektrisch angetriebenen Kleinwagen verbindet. Gleichzeitig schafft diese Variante laut WLTP bis zu 659 Kilometer Reichweite.
Die von mir gefahrene Dual-Motor-Version benötigt naturgemäß etwas mehr Energie. Polestar gibt dafür 15,8 bis 17,2 kWh/100 km und bis zu 596 Kilometer WLTP-Reichweite an. Auch das kann sich angesichts von 421 PS, Allradantrieb und mehr als zwei Tonnen Fahrzeuggewicht durchaus sehen lassen.
Geladen wird mit bis zu 205 kW Gleichstrom. Unter optimalen Bedingungen soll der Akku damit in rund 28 Minuten von zehn auf 80 Prozent geladen werden können. Für ein Langstreckenauto ist das mindestens ebenso wichtig wie eine möglichst hohe nominelle Reichweite.
Eine kleine Kuriosität gibt es ebenfalls: Volvo begrenzt seine Fahrzeuge seit Jahren auf 180 km/h, und auch bei vielen Elektroautos endet der Vortrieb relativ früh. Der Polestar 2 darf dagegen 205 km/h schnell werden. Nicht unbedingt kaufentscheidend – aber bei einem Auto mit Motorsportgenen irgendwie sympathisch.
Kein Raumwunder – aber muss er das sein?
Beim Kofferraum zeigt sich eine der wenigen Stellen, an denen der Polestar 2 nicht nach Rekorden strebt. Hinten stehen 407 Liter zur Verfügung. Dazu kommen 41 Liter im Frunk unter der vorderen Haube sowie weitere 43 Liter Stauraum unter dem Kofferraumboden. Bei umgeklappter Rückbank wächst das Ladevolumen auf 1.097 Liter.
Für den großen Familienurlaub mit zwei Kindern, Kinderwagen, Fahrrädern und dem halben Hausstand gibt es zweifellos praktischere Fahrzeuge. Aber Familien mit maximalem Platzbedarf dürften ohnehin nicht die Kernzielgruppe des Polestar 2 sein.
Ich sehe ihn vielmehr als ausgezeichnetes Auto für Business-Kunden, Manager, Selbstständige und Außendienstmitarbeiter. Menschen also, die regelmäßig längere Strecken fahren, dabei komfortabel und entspannt unterwegs sein möchten und weder einen riesigen SUV noch eine rollende Statusdemonstration brauchen.
Gerade dafür passt die Kombination aus niedrigem Verbrauch, großem Akku, hoher Ladeleistung, guten Sitzen und souveränem Fahrverhalten hervorragend.
Viel Auto fürs Geld
Und dann wäre da noch der Preis. In Österreich wird der Polestar 2 derzeit in der Nordic Edition ab 46.890 Euro angeboten. Die Aktion gilt laut Polestar bis 30. September 2026 und umfasst zusätzlich das Prime-Paket.
Damit wird der Polestar 2 auch wirtschaftlich ausgesprochen interessant. Immerhin bewegt er sich von seinen Abmessungen, seinem Qualitätsanspruch und seinen Fahrleistungen durchaus im Umfeld von Audi A5, BMW 3er und Mercedes-Benz C-Klasse. Gegenüber Verbrennern dieser Klasse muss sich der Elektro-Schwede preislich keineswegs verstecken.
Fazit: Ein Klassiker – und das ist ein Kompliment
Der Polestar 2 ist kein Auto, das sich jeden Morgen neu erfinden möchte. Er braucht keine Lichtorgel, keinen künstlichen Raumschiff-Sound und auch keine immer neuen Design-Gimmicks, damit man über ihn spricht. Er ist auch kein Exzentriker. Kein Poser. Kein fahrendes Statement, mit dem man allen anderen unbedingt zeigen muss, dass man jetzt elektrisch fährt. Er ist einfach ein verdammt gutes Auto.
Vielleicht ist genau das seine größte Qualität. Sieben Jahre nach seiner Präsentation wirkt der Polestar 2 nicht alt, sondern ausgereift. Seine Form ist vertraut geworden, ohne langweilig zu sein. Seine Technik ist modern genug, ohne den Fahrer mit Innovation um der Innovation willen zu überfordern. Und seine Fahrleistungen reichen von entspannt bis absurd schnell, je nachdem, wie weit man das rechte Pedal nach unten drückt.
Der Polestar 2 ist mittlerweile ein Klassiker. Nicht im Sinne eines Oldtimers natürlich, sondern im besten Sinn des Wortes: ein Auto, dessen Konzept sich bewährt hat und dessen Design die erste große Modewelle der Elektromobilität erstaunlich souverän überstanden hat.
Ich hoffe deshalb, dass Polestar ihn noch einige Jahre im Programm lässt. Denn neben immer größeren SUVs, immer radikaleren Bedienkonzepten und immer spektakuläreren Elektroautos tut ein Modell gut, das nicht ständig beweisen muss, wie außergewöhnlich es ist.
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