Polestar 3 – In der Kraft liegt die Ruhe
08.08.2026
380 kW (517 PS), 4,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Nein, das sind nicht die Daten eines Lamborghini Countach, denn der war selbst in der letzten Ausbaustufe namens LP 5000S QV nicht ganz so stark und konnte auch nicht so ganz rabiat beschleunigen. Wir reden heute hier vom Polestar 3, einem SUV mit fünf Sitzplätzen, kühlem nordischen Design und Sicherheitsfeatures, die den Rahmen hier sprengen würden. Im Gegensatz zum krawallig-lauten Lambo ist der Polestar 3 flüsterleise, da elektrisch angetrieben.
Ich durfte mir den Polestar im Autohaus Teuschl in Krems für eine ausgedehnte Probefahrt ausborgen.
Im Innenraum erwartet Sie, das, was Sie erwartet haben: geschmackvoll-kühles skandinavisches Design, minimalistische Displays, auf denen sich dennoch jeder auf Anhieb zurechtfindet. Für den Sound sorgt hier Bowers & Wilkins, für Navigation Google.
Einzig die „schwedengoldenen“ Gurte (die eingravierte Jahreszahl 1959 steht für das Jahr, in dem die Mutterfirma Volvo Sicherheitsgurte eingeführt hat) lassen die Performance erahnen. Schwedengold sind auch die Sättel der Brembo-Bremsen und die Ventilkappen der je nach Ausstattung 285 oder gar 295 mm breiten Reifen. Ansonsten lässt wenig die unglaubliche Performance dieses Autos erahnen.
Wir rollen lautlos los, erreichen schnell das Tempolimit und merken, wie egal eigentlich die Leistungswerte sind. Den Motor aufheulen lassen, den Auspuff röhren lassen oder gar einen Heckspoiler in der Größe eines IKEA-Tisches am Heck herumführen – all das erscheint auf einmal lächerlich. Im Polestar ist Leistung nichts zum Posen, Leistung ist – auch wenn wir im Österreich bei über 35° im Schatten und nicht am eisigen Polarkreis unterwegs sind – etwas, was in diesem Auto Sicherheit, Geborgenheit und Gewissheit bietet.
„Ich kann, wenn ich will, aber warum sollte ich, wenn ich nicht muss?“ statt „Ich mache es, weil ich es kann“. Vielleicht auch, weil der Polestar 3 so viel kann. Das Fahrwerk ist in der Performance-Version luftgefedert, angetrieben werden alle vier Räder. (Die Basis hat Heckantrieb und ein einfacheres Fahrwerk). Gebremst wird „by wire“, dennoch fühlt sich Bremsen und Lenken erstaunlich direkt an.
In Sachen Sicherheit ist wie von einer schwedischen Marke zu erwarten, alles drinnen und auch der Rest lässt kaum einen Wunsch offen. Und dennoch: Alles hat seinen Sinn, nichts dient rein dem Posen. Wer Polestar fährt, will nicht beeindrucken. Wer Polestar fährt, steht über den Dingen.
Kommen wir dennoch noch zu ein paar banalen Zahlen. Der Akku hat eine Kapazität von 92 kWh (Heckantrieb) bzw. 106 kWh (Allradversionen), was Reichweiten von über 600 km ermöglicht. Der Akku kann seit einem Produktupdate diesen Sommer auch mit 800 V bzw. 350 kW geladen werden. Im Extremfall ist das Auto damit in 22 min. wieder von 10 auf 80% geladen, aber auch das gehört zu den Dingen, die egal sind, wenn man in ergonomisch traumhaften Sitzen mit „Bridge of Weir“-Lederbezügen und Massagefunktion sitzt und Musik im „Abbey Road Studios Modus“ hört. Natürlich mit Dolby Atmos.
Egal ist auch, dass seit dem erwähnten Update 500 kW (680 PS) und 3,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h möglich sind, womit wir in den Dimensionen des Countach-Nachfolgers Diablo wären. Vielleicht nicht ganz egal sind die 484 Liter Kofferraum, aber auch das wird durch 2,2 t max. Anhängelast und die Tatsache, dass mit dem Volvo EX90 ein etwas geräumigeres Schwestermodell mit derselben Technik zur Verfügung steht, relativiert.
Die „einfacheren“ (was für ein skurriler Begriff im Zusammenhang mit diesem Auto!) Versionen starten derzeit (Stand August 2026) in Österreich bei 79.900,- Euro, in der Nordic Edition sogar bei nur 69,990,- Euro. Ab 103.400,- (bzw. derzeit 84.990,- Euro in der laufenden Aktion) geht es bei der Performance-Version los. Letztere ist übrigens so vollständig ausgestattet, dass die „normale“ Dual Motor-Version mit dazugebuchten Extras vielleicht sogar teurer kommt.
Wir sind hier zwar schon in Preisdimensionen, die in Schilling-Zeiten siebenstellig waren und die auch heute noch auf dem Level mancher Wohnung im Murtal liegen. Allerdings liegen Audi A6, BMW 5er und Mercedes E-Klasse in Österreich in ihren Verbrenner-Basisversionen mittlerweile auch schon in diesen Dimensionen, von den SUVs dieser Marken brauchen wir gar nicht reden.
Noch mehr reden respektive schreiben möchte ich auch gar nicht. Wäre der Polestar 3 ein Mensch, wäre er definitiv alles andere als eine Labertasche. Schon gar nicht würde er über Geld und Status reden und so erreicht er den wohl höchsten Status: Souveränität.
Der Polestar 3 lässt die anderen röhren, heulen, rauchen und auf andere Art posen. Er weiß, was er kann und hat es nicht notwendig, irgendwem etwas zu beweisen. Seine Kraft ist kein Show, im Gegenteil: In seiner Kraft liegt seine Ruhe.
Weitere Autotests:
Renault 4 E-Tech – L’art de vivre electrique (Kurztest)
Bei der Fahrt über Weinberge und durch Kellergassen offenbart sich der wahre Charakter des Renault 4 E-Tech.
Nissan Townstar Evalia – Himmel und Höllental
Hochdachkombi mit Benzinmotor auf kurvigen Bergstraßen – kann das gutgehen?
Opel Grandland – Wiederwahl in den Senat
Mit dem neuen Grandland ist Opel wieder zurück bei den alten Werten – und bietet eine überraschend interessante Alternative für Familien.
Eh alles dasselbe? 4 Stellantis-Modelle, 4 Charakter-Ultrakurztests
Alfa Romeo Junior, Abarth 600e, CItroën ë-C3 und Opel Frontera stehen alle auf derselben Plattform – fühlen sie sich auch gleich an?
Polestar 4 – Durchblick auch ohne Heckscheibe (Kurztest)
Die elektrische Volvo-Tochter verzichtet beim SUV-Coupé auf die Heckscheibe. Behalte ich trotzdem den Durchblick?
Subaru Solterra – sicheres Leben unter dem Radar (Kurztest)
Wer beim globalen E-Auto-Wettbewerb die Japaner übersieht, macht einen Fehler. Nicht nur für Landwirte ist der Solterra eine gute Wahl!
BYD Dolphin Surf – das Auto, auf das alle gewartet haben (Kurztest)
BYD rundet die Modellpalette nach unten ab – mit einem spritzen Kleinwagen mit überraschend viel Platzangebot.
Renault 5 – Everlasting Love?
Der Renault 5 ist endlich zurück – als elektrischer “Hot Hatch”. Hier der Bericht über meine ersten Testfahrten.









