Renault Twingo – die dritte Auferstehung
14.05.2026
Nach dem R5 und dem R4 lässt der französische Automobilkonzern mit dem Twingo nun den dritten legendären Kleinwagen wiederauferstehen.
Während wir beim Renault 4 je nach Markt mindestens 31 und beim Renault 5 je nach Markt und Version mindestens 18 Jahre auf die Auferstehung warten musste, waren es beim Twingo nicht ganz 2 Jahre.
Der Renault 4 (1961-1994, in Österreich bis 1986) war damals der erste Kleinwagen im Two-Box-Design, also ohne abgesetztem Kofferraum und mit großer Heckklappe. 1972 folgte mit dem Renault 5, der als erster Kleinwagen nicht nur mit geringem Kaufpreis, sondern auch mit Komfort überzeugte. In der “Supercinq” oder “Super-5” genannten 2. Version, gebaut ab 1984, gab es in der “Baccara”-Version erstmals sogar Luxus im Kleinformat. Allerdings hatten schon die etwas besseren Versionen durchaus Features, die bei Mercedes damals kostenpflichtig (Fensterheber! Zentralverriegelung!) oder gar nicht erhältlich (Funkschlüssel!) waren.
Twingo-Historie: Vom One-Box-Pionier zum Smart-Ableger und zurück
1993 kam dann mit dem Twingo der erste europäische Kleinwagen im One-Box-Design. Renault schuf somit wieder einmal eine neue Karosserieform, die jedoch einzigartig blieb. Spätere “Microvans” wie der Opel Agila oder der Ford B-Max hatten eine wesentlich höhere Karosserie – und fünf Türen.
Danach kamen zwei weitere Twingo-Generationen. Generation II (nicht zu verwechseln mit der “twingo²” genannten Facelift-Version der ersten Generation) hatte nun eine deutlich abgesetzte Motorhaube, schließlich gab es mit dem Modus nun auch einen “richtigen” Microvan im Hause Renault. Dafür gab es mit dem 101 PS-Turbomotor und dem 136 PS-Saugmotor des RS auch richtige “Raketen” im Programm, wobei sich Fans bis heute nicht einig sind, welcher der beiden nun mehr Spaß macht.
Generation III war ein Kompromiss der damaligen Zusammenarbeit von Renault mit Mercedes-Benz, ein Heckmotor-Modell auf Basis des Smart Forfour. Wenn das Auto nicht herrlich wendig gewesen wäre und die Winkel von Kühlergrill und Heckklappe nicht leichte Anklänge an den seligen R5 gehabt hätten – das Auto wäre die volle Enttäuschung gewesen. Immerhin gab es Nummer 3 auch mit Elektromotörchen, der jedoch schon bald hausintern vom Dacia Spring (einem Renault Kwid mit E-Motor) Konkurrenz bekam. Inzwischen hatte sich auch die Strategie von Mercedes geändert. Die Hälfte von Smart wurde an Geely verkauft und die Kooperation mit Renault in diesem Metier beendet. Statt deutsch-französischer Klein- und Kleinstwagen werden unter dem Namen Smart jetzt zum Teil über 600 PS starke chinesische Elektro-SUV gefertigt.
Zurück zu alten Werten: Platz und Variablität
Der neue Twingo darf nun vom Design her wieder (fast) ganz der alte sein, mit richtigem One-Box-Design und rundlichen Leuchten, jetzt natürlich mit LED-Technik.
Dass der neue jetzt fünf Türen hat, stört nicht – im Gegenteil. Dass der Ur-Twingo, der für seine Größe unglaublich viel Platz bot, nur drei Türen haben durfte, war sowieso schwer verständlich.
In der vierten Generation gibt es nun wieder mehr als ausreichend Platz für alle, wobei “alle” in bester Twingo-Manier wieder “vier” bedeutet. Renault hatte damals als einer der ersten Hersteller gewagt, auf den ohnehin fast unbrauchbaren Mittelsitz zu verzichten. Was den Platz auf der Rückbank betrifft, schlägt der Twingo auch den großen Bruder R5.
In bester Renault-Manier gibt es natürlich auch im Twingo massenhaft Ablageflächen. Die Teppiche sind witzig gestaltet, ziehen aber leider auch Schmutz magisch an. Vielleicht schafft es ja Renault, einen tschechischen Konstrukteur abzuwerben, der dann für die Facelift-Version einen in der Tür versteckten Teppichklopfer entwickelt.
Wenige Traditionsbrüche
In manchen Belangen tritt der Twingo jedoch als Traditionsbrecher auf. Fangen wir einmal bei der Farbe an. Mein von der Firma Mitterbauer-Smola zur Verfügung gestelltes Testfahrzeug war schwarz. Die bunten Geschwister sollen erst später kommen. An sich nicht schlimm. Schwarz ist halt nicht so fotogen, wenn ich einmal einen gelben in die Finger bekomme, wird es dann wirklich coole Fotos geben, versprochen!
Tatsächlich schlimm: Es gibt ihn auch in Weiß. Was für ein Frevel! Der erste Twingo wurde bis zum Facelift ausschließlich als Sonderanfertigung für Flughäfen, Polizeieinheiten und ähnliches in Weiß gebaut. Renault hätte sich da durchaus FIAT anschließen und sich wie beim Panda den unsäglich faden, im Alltag aber dominanten Weiß-, Grau- und Schwarzlackierungen verweigern dürfen.
Nächster Traditionsbruch: Der Tacho ist nicht mehr in der Mitte. Einst war es stolzes Privileg der One-Box-Modelle von Renault, angefangen vom Espace über den Twingo bis zum Scénic und Modus, den Tacho in der Mitte zu tragen. Gut, beim Espace und Scénic ging es auch zurück zur Fahrerseite. Ein Zentraldisplay für alles, so wie beim Volvo EX30, hätte dem Twingo aber auch gepasst.
Der hat aber lieber viele Knopferl und im Gegensatz zu R4 und R5 auch ein paar Drehregler. Die “Revolverschaltung” teilt er sich mit den großen Brüdern. Die Drehregler sind anders als beim Ur-Twingo nicht mehr bunt. Dafür darf man sich über das Zentraldisplay die Bildschirmfarben aussuchen und wenn mich nicht alles täuscht, sind die verfügbaren Farben im Großen und Ganzen jene, die es damals beim Twingo I für die Drehregler gab.
Das Zentraldisplay funktioniert genauso wie bei den anderen zeitgenössischen Renaults, beim Display auf der Fahrerseite durften die Screendesigner ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Ohne Zweifel haben die Physikexperimente mit den elektrisch geladenen Metallkugeln nachhaltigen Eindruck bei ihnen hinterlassen.
Minicamping ade!
Die hinteren Sitze lassen sich wie beim Ur-Modell einzeln verschieben und (nach vorne) umlegen. Umlegen lässt sich auch der Beifahrersitz, wodurch der Twingo auch lange Gegenstände transportieren kann. Ein Umlegen nach hinten wie beim Twingo I ist leider nicht möglich und so gibt es auch keine durchgängige Liegefläche. Wer ein kleines E-Auto als Minicamper verwenden möchte, muss also leider zum Hyundai Inster greifen, der das wesentlich besser gelöst hat – oder sich eine Konstruktion ausdenken, mit der die Lücken und Kanten überbrückt werden können. Wirklich schade in einer Zeit, in der Minicamper zunehmend zum Trend werden.
Fahren wie Gott im Frankreich der 1990er-Jahre
Trotzdem ist der neue Twingo einer der praktischsten Kleinwagen unserer Zeit, was sich auch an den abnehm- und waschbaren Sitzbezügen zeigt. Ansonsten gibt es im Innenraum wenig Stoff. Das wirkt sich auch auf die Akustik aus, wodurch der Twingo nicht ganz so komfortabel wirkt wie die großen Brüder. Kurioserweise meldete bei mir das Trommelfell auch solche Bodenunebenheiten ans Gehirn, von denen meine Bandscheiben gar nichts gemerkt hatten. Die Sitze sind nämlich wesentlich weicher als bei den größeren Renault-Modellen, dazu auch wenig konturiert. So wie es halt bis in die frühen 2000er bei französischen Autos typisch war. Und einmal ehrlich: es war nicht schlecht, es war einfach ein anderer Ansatz als der, den die deutschen Hersteller mit ihren sportlichen Fahrwerken und Sitzen verfolgt haben. Als Kind war mir die Rückbank des Super-5 meiner Mutter auf jeden Fall viel lieber als jene der Polos und Fiestas, in denen ich hin und wieder von anderen Eltern mitgenommen wurde.
Da jedoch auch das Fahrwerk gemütlich-komfortabel (und nicht so sportlich wie beim R5) ist, hat das auch bei der Überland-Fahrt nichts gemacht. Mit 82 PS tendiert man ohnehin eher zu komfortablen Gleiten. Die Autobahnfahrt war dennoch problemlos. Abgeriegelt wird bei 130 km/h, vom Sprint von 0 auf 100 km/h benötigt der Twingo 12,1 Sekunden, was immer noch spritziger ist als ein normal motorisierter Verbrennerkleinwagen, aber halt auch nicht so rabiat wie ein R5 oder gar ein Alpine A290.Im Vergleich zum 162 cm schmalen “Karenzvertreter” Dacia Spring, wirkt der 172 cm breite Twingo richtig breitbeinig und fühlt sich wesentlich erwachsener und sicherer an. Freilich macht der ansonsten recht karge und enge Sino-Rumäne in der Stadt dadurch ein bisschen mehr Spaß.
Knapp am 1-Liter-Auto
Kommen wir nun zum Thema Verbrauch und Reichweite, muss ja auch sein. 27,5 kWh Akku-Kapazität klingen nach nicht besonders viel, immerhin hat der R5 in der Top-Version 52 kWh. Meine Testfahrt führt von Krems über die B3/B3a nach Melk, dann über die A1 nach Amstetten-West, durch Amstetten durch, dann über die A1 nach Melk und über die B33 und die B37a zurück. Mit R4 und R5 bin ich auf ähnlichen Strecken mit ähnlichen Bedingungen und ähnlichem Fahrverhalten (max. 115 km/h auf Autobahn, ansonsten max. Höchstgeschwindigkeit) auf knapp unter 15 kWh/100 km gekommen, was knapp unter dem WLTP-Verbrauch von 15,1 bzw. 15,2 kWh/100 km liegt.
Für den Twingo nennt Renault einen WLTP-Verbrauch von 13,1 kWh/100 km. Diesen Wert habe ich mit dem Twingo nicht nur erreicht, sondern mit 11,7 kWh/100 km sogar deutlich unterboten. Die knapp 180 km von Krems nach Amstetten und zurück hätte ich auch ohne Zwischenladen problemlos hinbekommen. 11,7 kWh/100 km entspricht einem Diesel-Äquivalent von knapp unter 1,2 l/100 km. Ressourcenschonender geht kaum.
Der Verbrauch auf 100 km wird somit mit dem 11 kW-AC-Lader in etwas mehr als einer Stunde nachgeladen, der Schnelllader (oder gar ein HPC-Lader wie auf dem Foto) wird wohl nur in Ausnahmefällen Anwendung finden, zumal der Twingo ohnehin selbst bei optimal temperierten Akku maximal 50 kW ziehen kann.
Langstreckenfahrer werden aber ohnehin eher zu R5 oder R4 greifen. In seiner Heimat kommt sowieso kaum jemand auf die Idee, eine Strecke über 200 km nicht mit dem TGV zurückzulegen. Andererseits werden durch den kleinen Akku auch Gewicht und Rohstoffressourcen geschont.
Preislich beginnt der Twingo derzeit (Mai 2025) in Österreich bei 19.990,- (wenn man diverse Boni abzieht noch um etwas mehr als 1.000,- weniger). Zu diesem Preis findet man kaum noch ähnlich gut ausgestattete Verbrenner mit ähnlich großem Innenraum. In Punkto Variabilität kann sowieso nur der ebenfalls elektrische Hyundai Inster mithalten.
Für ein langstreckentaugliches Auto ähnlicher Größe muss man schon mit ca. 30.000,- rechnen. Für den Preisunterschied kann man sich und seiner Familie aber auch viele Jahre lang jedes Jahr ein Bahnticket für die Urlaubsfahrt kaufen und sich mit dem Taxi zum Bahnhof bringen und von dort abholen lassen. Oder man mietet sich einfach ein größeres Auto für den Urlaub.
Fazit:
Mit dem neuen Renault Twingo ist Renault das dritte großartige “retrofuturistische” Auto gelungen. Für knapp unter 20.000,- bietet er E-Mobilität mit sensationell niedrigem Verbrauch, überraschend viel Platz und viel originalem Charme an.
Noch besser als der R4 und der R5 verkörpert er die Werte seines historischen Vorbilds. Ich würde fast sagen, dass er gleichzeitig der überzeugendere R4-Nachfolger ist und sicher auch viele jener Menschen ansprechen kann, die einst einen der schwächeren R5 hatten. Auch für Zoé-Besitzer ist der Twingo möglicherweise das attraktivere Angebot.
Natürlich ist der Twingo kein Fahrzeug für Außendienstler, die jeden Tag hunderte Kilometer zurücklegen, das will er aber auch gar nicht sein und wer tatsächlich täglich so viel fährt, wird auch in einem gleich teuren Verbrenner nicht glücklich werden.
Wer einen Zweitwagen für die magischen 20.000 Euro such, wird wenige Fahrzeuge mit so viel Komfort, Platz und Charme finden.
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