XPENG G9 – Ist der Steirerman auch very good?
03.10.2026
Der in Graz gebaute G9 ist das Oberklasse-SUV des jungen chinesischen Herstellers. Ist der Steirer sein Geld wert?
Automobilbau aus Graz
Graz ist ja schon lange Österreichs Automobilhauptstadt. Die unter eigenem Namen produzierten Fahrzeuge der heute Magna Steyr Fahrzeugtechnik genannten damaligen Steyr-Daimler-Puch Fahrzeugtechnik sind unter Kennern unvergessen: Haflinger und Pinzgauer haben nicht nur das österreichische Bundesheer motorisiert, sondern sind auch heute noch im Gelände kaum zu schlagen.
Aber auch die unzähligen Kooperationen und Auftragsfertigungen wurden teilweise zur Legende, allen voran der Puch 500 mit Fiat-500-Karosse und eigenem (natürlich stärkerem) Motor sowie die Puch/Mercedes G-Klasse. In den 90er- und Nullerjahren ließ Chrysler/Jeep zahlreiche Modelle für den europäischen Markt in Graz fertigen. Die „Amis made in Europe“ konnten sich über das steirische Sprungbrett in der „Alten Welt“ durchaus etablieren, bevor Chrysler schließlich 2009 von FIAT übernommen wurde und somit deren Produktionsstätten nutzen konnte.
Normalerweise sagt man ja, dass sich Geschichte nicht wiederholt, aber hier offensichtlich schon. Mit GAC (Aion) und Xpeng lassen nun bereits zwei chinesische Marken ihre Modelle für den europäischen Markt von Magna Steyr in Graz fertigen, um sich in Europa zu etablieren.
Wer oder was ist eigentlich Xpeng?
Xpeng wurde 2014 von zwei ehemaligen GAC-Managern gegründet. Einer der ersten Investoren war He Xiaopeng, der Gründer von UCWeb, der nicht nur seit 2017 Vorsitzender von Xpeng ist, sondern der Marke auch seinen Vornamen gab. Auch das kennen wir ja irgendwoher, ich sage nur Mercedes-Benz, Ferrari Dino und Ford Edsel. Seit 2023 besitzt VW ca. 5 % von XPENG. Die Firma ist auch an der New York Stock Exchange gelistet, zu den Großinvestoren zählen Alibaba sowie der Staatsfonds von Abu Dhabi.
Ausgesprochen wird der Name übrigens „Schiaopeng“, einfach nur „ix-Peng“ soll aber auch okay sein. Die Sprachsteuerung hört übrigens auf “Hey, ix-Peng”. Xiaopeng bedeutet übrigens „kleiner Begleiter“. Klein ist der G9, den ich mir bei der Firma Mitterbauer-Smola in Krems ausborgen darf, allerdings nicht – im Gegenteil. Stolze 4,89 m misst das SUV. Der Radstand beträgt fast 3 Meter.
Ein freundliches Leuchten zur Begrüßung
Vorne begrüßt mich der G9, der nicht nur in Graz, sondern bereits seit 2022 in Guangzhou produziert wird, mit einem freundlichen Leuchten des Leuchtenbands, das sich quer über die Front zieht. Kennen wir von irgendwoher. Richtig, beim „Juniper“ genannten Update im Jahr 2025 hat das Tesla Model Y ein ähnliches Leuchtband spendiert bekommen.
Der Innenraum gibt sich großzügig und luxuriös. Die edlen Materialien sind gut aufeinander abgestimmt.
Beim Starten fahren zwei Frontlautsprecher im Armaturenbrett aus, die mich irgendwie an die UFO genannte Aussichtsplattform der „Brücke des Slowakischen Nationalaufstandes“ in Bratislava erinnern.
Hinter dem Soundsystem mit 28 (!) Lautsprechern steckt der dänische Spezialist Dynaudio und der Sound ist entsprechend auch außerirdisch gut. Hervorragend ist auch der Sitzkomfort, und zwar überall. Nimmt man das Premium-Paket, bekommt man sogar eine Massagefunktion auf 4 (!) Sitzen und auch die hinteren Sitze werden belüftet. In der Basisversion wird nur vorne belüftet, aber immerhin vorne und hinten beheizt.
Fernsehen statt Kurvenangst
Was die Hinterbänkler im Gegensatz zum Beifahrer nicht können, ist fernsehen. Dafür steht dem Beifahrer nämlich ein eigener Bildschirm zur Verfügung, der so gestaltet ist, dass der Fahrer fast nichts erkennen kann und somit nicht abgelenkt wird. Umgekehrt werden dem Fahrer Navigationsanweisungen über Lautsprecher in der Nackenstütze direkt ans Ohr geliefert, damit der Beifahrer nicht beim Fernsehen gestört wird.
Sobald der Beifahrer-Bildschirm eingeschaltet ist, kann der Beifahrer über “Hey ix-Peng” selbst den Sprachassistenten aufrufen und beispielsweise “Massagesitz einschalten” befehlen, um auf seinem (und natürlich nur auf seinem) Sitz die Massagefunktion einzuschalten.
Die Menüführung im Zentraldisplay ist wohl durchdacht. Bis man den Tempomaten durchschaut hat, muss man jedoch ein bisschen üben. Der wird ähnlich wie bei Volvo durch erneuten Druck auf die D-Position am Gangwahlhebel aktiviert. Sehr sensibel muss man bei der Blinkerbedienung sein. Hier kann es passieren, dass man zu fest drückt und der Blinker im Dauermodus bleibt. Und wenn wir schon beim Blinker sind: Dass in diesem Hebel auch noch der Scheibenwischer untergebracht ist, ist ebenfalls eher suboptimal, aber fast schon egal, denn normalerweise wird der ohnehin von den Sensoren ein- und ausgeschaltet.
Bleiben wir beim Thema Sensoren: Die arbeiten ziemlich perfekt, auch was Spur- und Verkehrszeichenerkennung betrifft. Generell gehört die Elektronik für mich zum Besten, was der Markt derzeit zu bieten hat.
Elektrik auf höchstem Niveau
Aber nicht nur bei der Elektronik, auch bei der Elektrik ist der G9 absolut spitze. Der 92,2-kWh-Akku kann dank 800-V-Technik mit bis zu 525 kW geladen werden. Selbst bei kaltem Akku waren sofort 138 kW Ladeleistung möglich.
Die beiden Motoren leisten zusammen 423 kW (575 PS), was eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 4,2 Sekunden ermöglicht. Dem bereits erwähnten Luftfahrwerk sei Dank wird man dabei trotzdem nicht allzu fest in die Sitze gepresst.
Das Luftfahrwerk lässt sich übrigens über das Display heben und senken. Der Unterschied in der Bodenfreiheit zwischen der tiefst- und der höchstmöglichen Einstellung beträgt stolze 10 cm.
Der Leistung und dem Gewicht (fast 2,4 t leer) entsprechend liegt der WLTP-Verbrauch bei 20,1 kWh/100 km, was ich bei meiner Tour leicht unterbieten konnte. So sind 540 km WLTP-Reichweite möglich. Mit seiner extremen Ladegeschwindigkeit, dem Soundsystem, den Massagesitzen und dem Bildschirm für den Beifahrer sind Ladepausen aber ohnehin alles andere als ein notwendiges Übel. Falls man sich dabei stärken möchte, kann man sich aus dem gekühlten Fach unter der Mittelarmlehne bedienen. Darin haben Halbliterflaschen und Wurstsemmeln für einen ganzen Tagesausflug Platz.
Jede Menge Platz
Apropos Platz: Den gibt es auch hinter der Rückbank reichlich. 660 Liter fasst der Kofferraum, dazu gibt es noch 71 Liter Frunk.
Trotz allem soll der G9 aber nicht nur Stehzeug, sondern auch Fahrzeug sein. Bei der Fahrt ist er angenehm leise, das Luftfahrwerk erlaubt auch schnelle Kurvenmanöver, die dann maximal objektiv, nicht aber subjektiv atemberaubend sind. Achten Sie also darauf, dass Ihr Beifahrer bereits vor der Fahrt über die Alpenpässe ein gutes Video auf YouTube oder Netflix herausgesucht hat, dann werden Sie auch bei rallyeartigen Geschwindigkeiten kein Nörgeln von rechts hören.
Interessanterweise ist das Auto auch sehr gut zu überblicken, trotz fast 2 Metern Fahrzeugbreite. Die Straßen sind mir schon in schmäleren Autos enger vorgekommen. Dank zahlreicher Kameras ist auch das Einparken ein Kinderspiel. Auf Wunsch funktioniert es sogar automatisch auf Knopfdruck, und zwar wirklich perfekt, sodass etwaige Bedenken sofort weggewischt sind.
Was kostet der Spaß – oder besser gesagt der Genuss?
Kommen wir abschließend zum Preis. Als Hecktriebler mit „kleinem“ 79-kWh-Akku (502 km Reichweite) startet der G9 in Österreich derzeit bei 59.600,-. Der Allradler schlägt mit 72.600,- zu Buche, da ist dann aber schon das 3.960,- teure Premium-Paket inkludiert. Für 1.260,- gibt es eine elektrisch schwenkbare Anhängerkupplung, Sonderfarben kosten 1.000,- bis 1.500,- extra. Für 75.360,- bekommt man also einen komplett ausgestatteten G9. Natürlich waren das in Schilling einst über eine Million, aber das ist erstens schon ein Vierteljahrhundert her und zweitens immer noch weniger, als ein deutscher Verbrenner dieser Klasse in Basisausstattung und mit Basismotorisierung kostet.
Fazit
Was XPENG hier mit dem G9 auf die Beine oder besser gesagt auf die Räder gestellt hat, ist tatsächlich beeindruckend. Bis auf das etwas gewöhnungsbedürftige Verhalten von Blinker und Tempomat gibt es nichts zu kritisieren. Sicheres Fahrverhalten, unglaublicher Luxus, jede Menge Platz, perfekte Verarbeitung und innovative Technik ergeben ein unvergleichbares Gesamtpaket, das mit dem Prädikat „made in Austria“ noch gekrönt wird.
Auf jeden Fall ist der XPENG G9 eine mehr als nur interessante Alternative zu allen Oberklasse-Limousinen und -Kombis europäischer Provenienz und jeden einzelnen seiner maximal 75.360 Euro wert.
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